Eine Nachüberlegung

Geschrieben am 22. 07. 2008

Ulrike Meinhof-Veranstaltung
Berlin 3. Mai 1996
Eine Nachüberlegung

von Karl-Heinz Dellwo

Interessiert das Thema noch? Wir waren unsicher. Wir, das waren ein paar ehemalige Gefangene aus der RAF, Bewegung 2. Juni und andere, deren politische, damit auch persönliche Geschichte mit dem bewaffneten Kampf in der Bundesrepublik verbunden ist.

Das Thema "interessierte" wie zu sehen war: Das Audimax der TU Berlin war voll. Die Unsicherheit lag real woanders: Sind wir in der Lage, eine solche Veranstaltung vorzubereiten und von unserer Seite aus inhaltlich zu füllen? Nur wenige von uns waren in einem funktionierenden Diskussionszusammenhang, alle sind seit Jahren in der eigenen Geschichte mehr oder weniger vereinzelt mit allen negativen Folgen. Mußten wir für uns nicht alles erst klären?

Die RAF, der über 23 Jahre gehaltene Zusammenhang von Gefangenen und Illegalen, war - nach außen offen - 1993 auseinandergebrochen in einem Prozeß, der für alle Beteiligten von großer persönlicher Tragik und mit erheblichen Verletzungen verbunden war. Als wäre alles von einem Federmechanismus gehalten gewesen, der unter großer Anstrengung aufgezogen wurde, dann überdehnt bricht, schnurrte scheinbar die ganze politische Entwicklung der Gruppe zurück und schien kein Halten und keine Besinnung mehr zuzulassen. Eine Gefühlsmischung aus Wut und Ohnmacht, aus Ratlosigkeit und Schuldzuweisung darüber, daß es nicht weiterging, entlud sich in einem selbstdestruktiven Prozeß, der endlich irgendein Ergebnis haben wollte und die Ambivalenz nicht mehr ertragen konnte. Erschöpft von jahrelangen Kämpfen, die oft ums reine Überleben gingen und der Bereitschaft zu fast jeder Anstrengung, um hier etwas von linker Gegenmacht zu halten, kamen Scham und Ohnmacht hinzu über das, was nun in unseren Reihen aufbrach und damit das Bedürfnis, sich zurückzuziehen und zu Schweigen. Auch das bleibt nicht spurlos.

So unbedingt, wie die RAF als revolutionäre Gruppe aufgetreten ist im Gestus des Tabula rasa, im Hinwerfen des Fehdehandschuh, in Gestalt einer militärisch untermauerten Herausforderung mit der Ankündigung an die Herrschenden: "Ab jetzt wird auf Euch geschossen!", so unbedingt wurde die Niederlage. Das Konzept Stadtguerilla hat das Wegbrechen seiner gesellschaftlichen Teilakzeptanz - verkürzt: Vietnam und die Nachkriegsperiode - um Jahre überstanden. Ab Mitte der 70er Jahre wäre zu erkennen gewesen im Prozeß unserer zunehmenden Isolierung, daß wir die historische Mission einer revolutionären Gruppe, das Vermitteln eines neuen gesellschaftlichen Horizontes nicht erfüllen können. Da es keinen Weg zurück gab ohne Selbstvernichtung, blieb nur der Marsch, manchmal die Flucht nach vorne in der Hoffnung auf ein Zusammentreffen mit einer neuen gesellschaftlichen Reife. Ohne sie mußten auch die individuell unterschiedlich gespeisten moralischen Kraftquellen schließlich versiegen.

Das Kollektiv, schon lange mehr Anspruch als Realität, war endgültig zerbrochen. Der Kampf um das Zusammenhalten und Zusammenkommen endete mit der Spaltung. Noch heute gibt es keine Sprache untereinander und fast schon scheint es als Fortschritt, wenn Schweigen herrscht nach einer Zeit, in der das Abgrenzen, Denunzieren und Niedermachen zur neuen Auseinandersetzungsmoral wurde. Die Trennungslinien zogen sich bis in die Veranstaltungsvorbereitung hinein. Obwohl angesprochen und um Mitarbeit gebeten, konnten sich viele aus unserem Zusammenhang immer noch nicht beteiligen und wer später in der Veranstaltung sich umsah, mußte feststellen, daß viele von uns nicht einmal anwesend waren.

Weitere Widersprüche schienen ebenso die Veranstaltung zuerst unmöglich zu machen. So brachen an der Frage, wer für das Podium angesprochen werden soll, erhebliche Widersprüche auf und verließen uns Teilnehmerinnen der Vorbereitungsgruppe im Streit darüber, in welchen gesellschaftlichen Zusammenhängen wir die notwendige Diskussion ansiedeln sollen. Sie verlangten nach Personen mit uneingeschränkter Solidarität zur RAF. Wir aber wollten uns nicht im Kreis drehen. Freilich ist das Suchen nach Personen, die in ihrer eigenen Biographie eine Glaubwürdigkeit behalten haben, auch ein reales Problem: Viele - niemand kennt die Anzahl, was auch einiges über unseren fehlenden Geschichtsbegriff aussagt - sind gestorben oder anders zugrunde gegangen, sowohl an den gesellschaftlichen Verhältnissen wie auch an unserem linken Unvermögen. Rudi Dutschke ist tot wie ebenso Peter Brückner und eine Rossana Rossanda gibt es in der BRD nicht. Ein Großteil der Linken von damals ist heute besiegt und so umfangreich zur Macht übergelaufen, daß sich jede Diskussion allerdings erübrigt. Für viele Andere aber gilt das nicht. Und nicht jede Abgrenzung und jede Entsolidarisierung gegen uns war von vornherein reaktionär. Wir hatten oft in der Vergangenheit falsche Entscheidungszwänge produziert und damit unseren eigenen Anteil an der Aufkündigung von Solidarität. Auch scheidet sich nicht an der Frage der Bejahung des bewaffneten Kampfes die gute Gesinnung von der schlechten. Denn es finden sich auch plausible Gründe, ihn abzulehnen.

Andere Fragen tauchten auf. Was ist, wenn die Veranstaltung nur auf das Interesse stößt, mit der RAF endlich abrechnen zu können? Müssen wir nicht erst auf alles eine "dichte" Antwort haben, bevor wir uns mit einer Kritik an die Öffentlichkeit wagen? Wir haben uns von solchen Gedankengängen getrennt. Jahrelang ist immer alles unter dem Hinweis, daß erst wir untereinander klar sein müssen, hinausgeschoben worden. Rausgekommen ist nichts, außer daß viele verlernt haben, für etwas einzustehen. Die Veranstaltung war die Entscheidung für etwas Unfertiges , dafür, mit anderen zusammen etwas herausfinden zu wollen. Anders geht es auch nicht. Alleine werden wir uns selbst nie radikal genug kritisieren.

Es macht keinen Sinn, die Geschichte zu betrachten unter dem Aspekt der Rechtfertigung. Endlich zu einer Kritik unserer eigenen Geschichte zu kommen macht sie nicht nieder sondern hilft uns, uns von unseren Irrtümern, Illusionen, Schwächen und gravierenden Fehlern zu befreien. Ohne Verarbeitung verliert alles seinen Sinn, war jede Anstrengung und jedes Opfer umsonst, bleiben wir unserer eigenen Produktion gegenüber bewußtlos. Auch müssen wir zu einer alten revolutionären Tugend zurück: die Hauptanwendung der Kritik muß uns selber gelten. Unser Scheitern war u.a. dadurch markiert, daß wir unsere Fähigkeit zur Analyse, Kritik und Konsequenz nicht mehr auf uns selbst angewandt haben und damit - bei Anwendung besonderer Mittel - ebenfalls zu einem politischen Zusammenhang wurden, der wie viele andere nur noch von sich weg "Politik machte" statt sie aufzuheben, sich also an etwas orientierte, was der Mühe nicht lohnt.

Die Veranstaltung ist gelaufen. Wir haben vieles angeschnitten, vieles steht noch unangetastet da. Auch wir kommen nur langsam voran. Die hier abgedruckte Transkription der Veranstaltungsdiskussion kann deshalb nur ein inhaltliches Zwischenstadium markieren. Wir müssen weiter. Als Veranstaltungsgruppe hatten wir uns eine Orientierung gesetzt: Wir verteidigen den Aufbruch. Denn nicht die alten Verhältnisse haben recht sondern die Menschen, die sich nicht mehr aufgehoben fühlen in ihnen und sie deshalb verändern, gegebenenfalls auch umstürzen wollen. Aus dieser grundsätzlichen Verteidigung der Revolte und des Widerstandes heraus ist jede andere Kritik möglich. Wir müssen noch ganz anders denken lernen und reden als wie auf dieser Veranstaltung und das meint sicher nicht nur solche Überlegungen, wie jene dort aus unserem Zusammenhang geäußerten zur Gewaltfrage. Nichts dürfen wir als selbstverständlich voraussetzen. Wir haben nicht nur Fehler gemacht oder etwas falsch eingeschätzt. Möglicherweise ist unsere ganze Vorstellung von Revolution, ihrem Inhalt und ihren Methoden falsch.

August 96 
Karl-Heinz Dellwo

 

Direkter Linker zur Abschrift der Podiumsbeiträge der Veranstaltung zum 20. Todestag von Ulrike Meinhof:
http://www.nadir.org/nadir/archiv/PolitischeStroemungen/Stadtguerilla+RAF/RAF/ulrike_meinhof/va20/va20podium.html

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